Liam

von Lyndis Cealin am
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Prolog

Selbst jemand wie ich wusste, dass Teamwork bei solch einem Auftrag notwendig war und, dass dafür ebenfalls ein Treffen vorab unabdingbar war. Aber als ich den Raum betrat, wäre ich am liebsten wieder gegangen. Diese Kindsköpfe hatten mal wieder irgendeine Wette abgeschlossen und wenn ich hätte raten müssen, hätte ich auf etwas wie ‚wer sich zuerst den Hals bricht, hat verloren‘ getippt.

Hoch oben über der Industriehalle, in der wir uns trafen, sprangen sie auf den Metallstreben herum und versuchten sich gegenseitig mit magischen Wattestäbchen auf den Boden zu befördern, während ein riesiger Hai unter ihnen fliegend und wahrscheinlich hungrig seine Bahnen zog. War es wirklich so verwunderlich, dass ich mit diesem Kindergarten nicht klar kam? In meinen Augen nicht.

Allerdings hatten wir wenigstens einen Illusionsmagier dabei, das war eine wichtige Information.

Entgegen meines Fluchtreflexes, ging ich weiter in den Raum hinein, wurde aber bald schon aufgehalten.

„Du bist sicher Liam!“

Ein Magier mit wild abstehenden, schwarzen Haaren kam auf mich zu und grinste ungewöhnlich freundlich.

„Hi, ich bin Luka. Freut mich, hab schon einiges von dir gehört.“

Wenn das stimmte, fragte ich mich, warum er dann so freundlich mit mir redete, aber es sollte mir recht sein. Je besser er mir gegenüber eingestellt war, desto weniger würde er versuchen, mich während des Auftrags umzubringen. Verzeihung… desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass ich ‚versehentlich‘ in einen ‚Unfall‘ verwickelt würde.

Die Hand, die er mir hingestreckt hatte, bemerkte ich erst, als er sie wieder zurück zog und kurz sich kurz ein dunkler Ausdruck über sein Gesicht legte.

Ehe er etwas sagen konnte, lenkte uns beide ein Aufschrei ab. Einer der anderen Magier fiel von den Streben, doch statt sich bei dem Aufprall auf den Boden etwas zu brechen oder von dem Hai gefressen zu werden, landete er irgendwie auf dem Rücken von eben jenem Meeresbewohner und ritt jetzt gellend auf ihm durch die Luft. Den Magier neben mir brachte das zum lachen und es hob seine Stimmung wieder.

Nach einem Moment wandte er sich wieder an mich und grinste breit:

„Das ist mein erster Auftrag in der Größenordnung! Das wird sicher abgefahren!“

Als er die Hand hob, um mir kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen, setzte ich etwas magische Energie frei und schleuderte ihn damit einmal quer durch die Halle. Leider verfehlte er den Hai, der im letzten Moment noch einen Haken schlug und landete stattdessen in einem Haufen morschem Holz.

„Alter, geht’s noch?! Ich hätte mir sonst was brechen können!“, schimpfte es hustend durch die Staubwolke hindurch, die sich bei dem Aufprall gebildet hatte.

Für jemanden, der sich mal eben spontan eine Klippe hinunterstürzte, weil er plötzlich der Meinung war, dass ihm sein Leben zu langweilig war, regte er sich über solch eine Kleinigkeit ziemlich auf.

Ich ignorierte den mörderischen Blick, den er mir zuwarf, als er wieder bei mir war und ging endlich weiter in den Raum hinein.

„Ruf deine Kumpanen zusammen, wir müssen endlich anfangen.“

„Einen Scheiß werde ich!“, motzte er. Nun, die Sache mit dem Unfall wurde wieder wahrscheinlich.

Da die Idioten nicht auf mich hören würden – diese Hoffnung hatte ich schon vor langer Zeit aufgegeben – überlagerte ich den oberen Teil der Halle mit einer eigenen Illusion. Es war nicht gerade meine Stärke, meine Illusionen waren nicht materiell, aber es reichte um alle Streben scheinbar um einen halben Meter zu versetzen, was die Magier dermaßen aus dem Tritt brachte, dass sie kurze Zeit später alle am Boden lagen und nicht einmal genau wussten, was passiert war. Zumindest wussten sie es nicht, bis sie mich bemerkten.

„War ja klar, dass der Dämonenmagier wieder den Spielverderber gibt!“, grunzte einer von ihnen. Ich ignorierte ihn und ging zu dem Tisch, auf dem Blaupausen für ein Gebäude lagen.

„Was ist der Plan?“, sagte ich laut genug, dass sie mich alle hören konnte. Widerwillig versammelten sie sich daraufhin.

„Was für ein Plan?“, fragte einer verwirrt und zuckte die Schultern. „Wir gehen rein, machen sie fertig und gehen wieder. Wo ist das Problem?“

Ich warf ihm einen genervten Blick zu, der ihn tatsächlich kurz zusammenzucken ließ. „Weitere Vorschläge?“

„Der Vorschlag ist gut genug!“, warf ein anderer ein.

„Nein“, antwortete ich entschieden. „Das Vorgehen sorgt nur dafür, dass wir uns gegenseitig im Weg stehen.“

Ich erntete nichts weiter als genervtes Schnauben und Augenverdrehen. Magier…

„Pass bloß auf, dass du mir nicht ‚im Weg stehst‘!“

Das würde ich sowieso, das musste ich seit Beginn meiner Karriere mit einbeziehen. Irgendwem stand ich immer ‚im Weg‘, selbst wenn alle anderen einhundert Meter von mir entfernt waren.

„Wer hat dich eigentlich zum Anführer gemacht? Wir kriegen das auch gut genug alleine hin!“

Immer die selbe Diskussion. Immer. Wann lernten diese Idioten es endlich?

„Wir können das gerne auf die altmodische Art klären. Ihr alle gegen mich.“

Plötzlich waren sie ziemlich still, aber genau das hatte ich erwartet. Es war nicht so, dass ich mich tatsächlich mit all ihnen gleichzeitig anlegen konnte, aber allein die Herausforderung schüchterte sie ein. Niemand wusste genau, was Dämonenmagier alles konnten und das machte ich mir nur zu gerne zu nutze.

„Da das jetzt geklärt ist.“

Ich sah wieder auf die Pläne und studierte sie eingehend, während ich noch einmal den Auftrag zusammenfasste, um sicher zu gehen, dass auch alle wussten, was zu tun war. Man konnte nie wissen, wer von ihnen die Unterlagen tatsächlich gelesen hatte:

„Es wurde eine Gruppierung entdeckt, die dafür sorgen will, dass die Existenz von Magiern in die Menschenwelt vordringt. Diese Art der Gruppierungen gibt es häufiger, nahezu jeder von euch wird solch einen Auftrag schon gemacht haben. Wir helfen unserer Regierung dabei, diese Gruppierungen zu stoppen, meistens mit Gewalt. Wer dem abgeneigt ist, ist frei zu gehen, niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Natürlich bleibt dann auch die Bezahlung aus.“

Ich pausierte kurz und warf einen Blick auf den Magier, der mich begrüßt hatte, da ich nur von ihm wusste, dass er noch keine Erfahrung hatte. Aber niemand rührte sich, sie wurden nur allmählich unruhig. Ich musste mich beeilen, um deren Aufmerksamkeitsspanne nicht zu überstrapazieren.

„Das Gebäude ist sehr klein, weshalb wir davon ausgehen können, dass sie es mit Magie vergrößern. Wie groß wissen wir nicht, weshalb wir eine generische Strategie benötigen. Da wir alle wissen, dass ihr als Team besser ohne mich funktioniert, schlage ich vor, dass ich mich um das Oberhaupt kümmere und ihr mir einfach nur den Rücken freihaltet.“

Dass das so in meinem Auftrag drin stand, mussten sie ja nicht wissen. Die Regierung vertraute mir meistens die Führungsrolle an. Im Laufe der Zeit hatte ich mich oft genug bewiesen, auch wenn Dämonenmagier im Allgemeinen nicht die sozial fähigsten Personen waren.

Ich hatte ihnen meinen Plan wohl gut genug verkauft, denn sie murmelten zustimmend. Es konnte aber auch durchaus sein, dass sie keine Lust mehr hatten zu zu hören. Gleich was es war, ich hatte was ich wollte.

„Dann gehen wir.“

Plötzlich konnten sie sehr aktiv sein. In Sekundenbruchteilen war die Halle leer und ich musste mich beeilen, hinterher zu kommen.

„Alter, ich hasse euch Dämonen dafür, dass man immer auf euch warten muss!“

„Dämonenmagier“, korrigierte ich ihn trocken.

Wir standen in einer abgelegenen, dunklen Gasse, in der Nähe unseres Ziels. Es befand sich mitten in der Stadt, weshalb wir etwas aufpassen mussten, um nicht aufzufallen.

„Als wäre das noch ein Unterschied.“

Es war ein großer Unterschied, das würde dieser Idiot auch noch feststellen.

Ich rief Kiba, einen riesigen, weißen Wolf, der als Schemenhafte Gestalt und in schwere Ketten gelegt, neben mir auftauchte. Als ich begann ihn mit mir zu verbinden und damit mein eigenes Bewusstsein in den Hintergrund zu drängen, spürte ich den gewohnten Druck, der drohte meinen Körper auseinander zu reißen. Dieses Gefühl klang erst etwas ab, als die Verschmelzung vollständig war und ich, zurückgedrängt in eine kleine Ecke meines eigenen Geistes, durch nun fremde Augen die Welt betrachten konnte.

Kiba streckte seine neuen Gliedmaßen etwas, als wollte er einen Ganzkörperanzug zurechtrücken.

„Ah, endlich mal wieder Auslauf.“ Ich spürte ihn dunkel, aber auch leicht verspielt grinsen. Kiba war noch sehr jung für einen Dämon, vielleicht gerade so alt wie ich, und dementsprechend hitzköpfig und arrogant. Aber er war der Beste, den ich besaß.

„Auch wenn ich meine Zeit mit diesem Kinderkram verbringen muss. Dass ihr Menschen es nicht einmal schafft, alleine mit euren Problemen klar zu kommen.“ Und er war aus diesen Gründen extrem unbeliebt bei sämtlichen meiner Mitstreiter, was ich auch jetzt deutlich sehen konnte. Der Unmut der anderen, amüsierte Kiba aber nur noch mehr.

„Na kommt schon, ihr müsst euch doch selbst allmählich dafür schämen, dass ihr das nicht auf die Reihe bekommt.“ Er war auch extrem gut darin, die Wunden Punkte von anderen aufzuspüren.

„Halt dich bloß nicht für so wichtig! Die Regierung schickt euch Dämonenmagier doch nur mit, damit ihr denen nicht auf der Nase herumtanzt!“

Es war immer schlecht vor jemandem wie Kiba defensiv zu werden. Das zeigte ihm nur, dass er ins schwarze getroffen hatte und er liebte es so sehr, andere zur Weißglut zu bringen.

Ich hätte ihn aufhalten können, aber das kostete mich zu viel Energie. Solange er es schaffte den Auftrag zu erledigen, sollte er seinen Spaß haben. Die Erfahrung zeigt, dass er es nicht übertrieb.

„Dämon.“, korrigierte er und ich bemerkte zu spät, was er als nächstes sagen wollte, um doch noch zu intervenieren:

„Und ich bin mir sicher, dass Liam“, er sprach meinen Namen deutlich abfällig aus, „nur deshalb gesagt bekommen hat, dass er die Mission anführen und sich um den Anführer kümmern soll, damit er beschäftigt ist. Ja, natürlich…“

Ich seufzte innerlich. Großartig. Wie konnte er nur noch weniger soziales Feingefühl besitzen, als ich?

Die geschockte Stille wurde von der jugendlicheren Version meiner eigenen Stimme unterbrochen: „Ach, hat er vergessen, das zu erwähnen? Wie ungeschickt von ihm.“

Kiba musste wirklich langweilig sein und er musste diesen Auftrag wirklich locker nehmen, denn spätestens jetzt war klar, dass nicht nur der ein oder andere Unfall während dieser Mission auftreten würde. Aber wenn er nicht der Überzeugung wäre, damit umgehen zu können, würde er das nicht tun. Wenn ich starb, während er mit mir verbunden war, ginge er mit drauf und auch wenn alle anderen Dämonen, die ich besaß, dann frei wären, war keines dieser Wesen und schon gar nicht Kiba so opferbereit, sich selbst für das Wohl der anderen umzubringen.

Sich mit sieben Magiern aus den eigenen Reihen und mindestens genauso vielen aus den feindlichen anzulegen, empfand ich dennoch als nicht sinnvoll. Der Schaden war aber da, das konnte ich nicht mehr reparieren, ich musste also sehen, wie ich mit den Konsequenzen fertig werden würde. Im schlimmsten Fall würde das unangenehme Verletzungen bedeuten.

„Wir sollten jetzt endlich gehen. Die Sache soll im Laufe der Nacht beendet sein.“

Es war dieser Magier, der mich begrüßt hatte, der endlich ein vernünftiges Wort in die Runde warf, woraufhin sich alle in Bewegung setzten.

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