Liam

von Lyndis Cealin am
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Neuer Auftrag

Geduld war nur dann meine Tugend, wenn ich keine andere Wahl hatte, aber als es an der Tür klingelte, wusste ich, dass sich das Warten ausgezahlt hatte. Wie eine Fruchtfliege, die von Zuckerwasser angezogen wurde, kam dieser dumme Mensch zu ihm und dennoch konnte ich es ihm nicht verdenken. Er hatte keine andere Wahl, als her zu kommen. Schnell warf ich noch einen Blick in den Spiegel, um überprüfen zu können, dass auch ja alles saß, wie es sollte. Die Person die mir entgegenblickte, war mir fremd. Ich hatte sie seit Jahrzehnten nicht gesehen und das was sie bedeutete, hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Ich war es gewohnt einen Tarnzauber anzulegen, wenn ich alltägliche Dinge erledigte, damit ich keine Massenpanik auslöste, denn meine Magie hinterließ Spuren. Ich übernahm nicht nur die Fell- und Augenfarbe des Dämons, mit dem ich mich vereinigte, sondern auch gewisse Merkmale wie scharfe Zähne und Krallen. Außerdem zogen sich dicke, rote Narben über meinen gesamten Körper, dort wo meine Magie mich zerriss, wenn ich eine andere Seele in dieses sterbliche Gefäß presste.

Nun aber sah ich wie der typische Japaner aus. Die ebene Haut etwas blass, kurze, schwarze Haare und dunkle Augen. Ich zwang mich dazu, mich zu entspannen, damit meine Mimik weicher wurde. Es brachte ja nichts, wenn ich ihn durch meine finstere Miene vertrieb.

So ging ich zur Tür und begrüßte den Neuankömmling mit einem angedeuteten Lächeln:

“Guten Tag Jain-san. Schön, dass Sie Zeit hatten. Bitte, treten Sie ein.”

Immer höflich und zuvorkommend, trat ich jetzt zur Seite und ließ seinen Gast ein.

Joel Jain. Ich wusste nicht allzu viel über ihn, aber das wichtigste war mir bekannt: Er war ein nicht registrierter Magier mit Fähigkeiten, die er nicht Kontrollieren konnte und ich hatte die unleidliche Aufgabe bekommen, ihn zu trainieren und sein Vertrauen zu gewinnen. Seit ich diesen Auftrag erhalten hatte, fragte ich mich, was ich getan hatte um derart bestraft zu werden. Wahrscheinlich hatte die Regierung einfach niemanden finden können, der noch ungeschickter in sozialem Umgang war wie ich.

Wahrscheinlich hätte ich das Angebot ablehnen sollen, denn es war wirklich nicht mein Metier, allerdings konnte ich einer Herausforderung nur sehr schwer widerstehen.

Ein zusätzlicher Haken: Noch wusste der Kleine nicht, dass es Magier überhaupt gab. Ich musste also etwas behutsam vorgehen, damit er nicht gleich wieder weglief. “Danke”, murmelte er nur, vermied Augenkontakt und trat ein. Ich beobachtete ihn schon eine ganze Weile, deshalb wusste ich, dass er Probleme mit anderen Menschen hatte, aber sein Verhalten einmal in Aktion zu sehen, war noch einmal etwas anderes. Er stand vollkommen zusammen gesunken vor mir, zog den Kopf ein und wirkte, als würde ich ihm eine Waffe an die Schläfe halten. Die nächsten Tage und Wochen würden anstrengend werden, das war klar.

“Ist das das Zimmer?” Kaum stand mein Gast im kleinen Hausflur - ich hatte ihm, wie es sich gehörte, ein paar Gastpantoffeln gegeben - fixierte er auch schon die leicht offen stehende Tür. Ich hatte Mühe damit, nicht skeptisch mein Gesicht zu verziehen. Soweit ich wusste, lief eine Zimmerbesichtigung für ein WG-Zimmer etwas anders ab. Wie er es je geschafft hatte, mit dem Auftreten überhaupt eine Wohnung zu bekommen, war mir ein Rätsel. Aber es machte nichts. Schließlich war ich auch nicht besser.

“Ja, das ist es.” Kurz pausierte ich, um nachzudenken, doch schließlich entschied ich mich dazu, die Farce aufrecht zu erhalten, aber Jain trotzdem entgegen zu kommen: “Ich würde vorschlagen, ich zeige Ihnen erst einmal den Raum und Sie sagen mir, ob er Ihnen zusagt. Danach würde ich Sie gerne in der Küche auf ein warmes Getränk einladen, damit wir uns besser kennenlernen können.”

Meine eigene Stimme klag so fremd und widerlich freundlich, dass ich mir einen Moment wirklich nicht sicher war, ob tatsächlich ich gesprochen hatte. Nun, es war im Prinzip auch Ren der sprach. Kein Dämon, nur mein menschliches Alter-Ego. Eine Tarnidentität um in der Menschenwelt nicht aufzufallen.

Mein Gast wurde blass um die Nase, warum auch immer. Ich spielte hier nur den durchschnittlichen Japaner und da er mich noch nicht angesehen hatte, konnte es auch nicht daran liegen, dass mein Tarnzauber verrutscht war.

“Ist das in Ordnung für Sie?”, fragte ich deshalb, nur um sicher zu gehen. “Ich mache das zum ersten Mal. Ich weiß nicht, wie so etwas sonst abläuft.” Vielleicht half es ihm ja, wenn ich ihm aufzeigte, dass er wesentlich mehr Erfahrung mit solchen Situationen hatte.

Jain nickte und fuhr sich durch die Haare, die mehr aussahen wie ein Unfall, als wie eine Frisur.

“Äh, wie war noch mal Ihr Name? Suzuki?”

Ich fragte mich wirklich, wie er es jemals geschafft hatte, ein WG Zimmer zu bekommen, aber ich nickte. Der Kleine hatte echt Glück, dass ich wirklich wollte, dass er hier einzog. “Suzuki-san, verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sind bestimmt ein guter Kerl, aber ich werde die Zeit hier wirklich nur zum Schlafen nutzen. Ich brauche nur ein Dach über dem Kopf, alles andere ist mir nicht wichtig. Zeigen Sie mir nur das Zimmer.” Was darauf folgte, war das gekünstelste Lächeln, das ich jemals gesehen hatte.

Ein Vorteil hatte das Auftreten des anderen ja: Ich musste mir definitiv keine Sorgen darum machen, dass er irgendwo anders unterkommen würde.

Allerdings wusste ich auch nicht recht, wie ich an ihn heran kommen sollte, wenn er sich so sehr vor mir verschloss. Aber ihm seinen Raum zu lassen, war sicherlich nicht die schlechteste Idee.

“Nun…”, begann ich, um untypisch für mich, ein wenig Zeit zu schinden. Soziale Interaktion konnte wirklich anstrengend sein. Aber ich musste da durch, weshalb Schweigen wirklich keine Option war.

“Ich habe sehr unregelmäßige Arbeitszieten” Das war nicht einmal gelogen, “weshalb wir uns zwangsläufig öfter über den Weg laufen werden. Sie müssen also wissen, ob Sie mit mir zurecht kommen. Aber zumindest sollten wir uns zusammen setzen, um die Organisatorischen Dinge zu besprechen.” So würde ich ihn vielleicht in ein Gespräch verwickeln können. Abwarten. Geduld war hier definitiv das Stichwort. Dumm, dass ich davon für gewöhnlich nicht viel hatte. Mir schmerzte schon jetzt der Kopf.

“Aber eines nach dem Anderen.”

Ich ging endlich zu dem Zimmer und öffnete die Tür. Ein etwas spärlich eingerichtetes, kleines, aber gemütliches Zimmer kam zum Vorschein. Außer einem Bett und einem Schrank, fand sich nicht viel darin.

“Es ist nicht viel, aber wenn Sie sowieso nur hier schlafen, dann reicht das sicherlich aus.”

Natürlich gab es auch noch eine Küche und ein Wohnzimmer, aber ich rechnete nicht damit, ihn dort sonderlich häufig anzutreffen.

Ich ließ ihm die Zeit, sich ein wenig umzuschauen, doch er brauchte nur einen kurzen Blick:

“Es reicht vollkommen. Ich habe nicht viele Sachen bei mir.”

Natürlich hatte er das nicht. Er war chronisch ausgebrannt, weil er von Stadt zu Stadt floh und keine Berufsausbildung hatte. Ich wollte nicht wissen, wie viele Anzeigen er bereits wegen Körperverletzung am Hals hatte. Seine Fähigkeit war gefährlich, wenn man sie nicht kontrollieren konnte. Und sie war einzigartig, weshalb die Regierung ihn nicht eliminierte oder zum Training zwang, sondern versuchte, sein Vertrauen zu gewinnen. Würde er in die Finger einer verfeindeten Gruppe geraten, wäre das fatal. Es war allerdings auch fatal, ihn einfach so herum laufen zu lassen. Irgendwann würden die Medien auf ihn aufmerksam. Ein Wunder, dass das nicht längst passiert war. Aber Jain war auch erstaunlich gut darin unterzutauchen. Es hatte mich einiges an Mühe gekostet, ihn anfangs zu finden und hätte ihn, nach dem Ausbruch in der letzten Stadt, fast wieder aus den Augen verloren. Aber jetzt war er hier. Ich hatte ihn und ich würde ihn jetzt nicht mehr weg lassen.

Ich bemerkte, wie Jains Blick auf den Schlüssel im Türschloss fiel. Meine, von den Vereinigungen geschärften Sinne, hörten das erleichterte Aufatmen deutlich. “Gut…” Damit ging ich in die Küche um Wasser aufzusetzen. Erst dort fiel mir selbst auf, dass meine einsilbige Antwort doch ziemlich kühl war. Ich musste unbedingt besser aufpassen, wenn ich ihn nicht vertreiben wollte.

“Ich brauche das Geld recht dringend”, ließ ich aus der Küche verlauten, ohne groß darauf zu achten, ob Jain mir folgte. Natürlich waren meine Ohren gespitzt, aber ich wollte ihm zeigen, dass ich ihm seinen Raum ließ. “Deshalb habe ich mir vorgenommen, den ersten, einigermaßen passenden Bewerber zu nehmen. Also, wenn Sie möchten, können wir sofort alles unter Dach und Fach bringen.”

Langsam begann das Wasser zu sprudeln: “Tee oder instant Kaffee?”

“Kaffee”, kam es von hinter mir gemurmelt und Jain trat in die Küche.

Mit scheinbar geübten Griffen, suchte ich mir alles zusammen, was ich brauchte. Es würde nicht auffallen, dass ich erst seit zwei Tagen in dieser Wohnung lebte. Mit zwei Tassen trat ich an den Tisch, auf dem auch schon die Papiere lagen und versuchte den beißenden Gestank von Kaffee zu ignorieren.

“Sie können wirklich nicht so gut mit Menschen, oder?” Die Worte entkamen mir nicht unwillkürlich, sie waren durchaus kalkurliert, aber sie waren Ausdruck meiner fehlenden Geduld. Das war mir bewusst, daran musste ich dringend arbeiten, aber für den Moment war es nun einmal so. Ich hoffte, dass ich mit ein wenig forscherem Auftreten, schneller vorwärts mit ihm kam. Auch wenn es vollkommen unjapanisch war, einem Fremden seine Fehler vorzuhalten.

“Dann ist es Ihnen sicherlich auch lieber, wenn wir bei dem ‘Sie’ bleiben?”

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