Liam (komplett)

von Lyndis Cealin am
etwa 18 Minuten zum Lesen

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Prolog

Selbst jemand wie ich wusste, dass Teamwork bei solch einem Auftrag notwendig war und, dass dafür ebenfalls ein Treffen vorab unabdingbar war. Aber als ich den Raum betrat, wäre ich am liebsten wieder gegangen. Diese Kindsköpfe hatten mal wieder irgendeine Wette abgeschlossen und wenn ich hätte raten müssen, hätte ich auf etwas wie ‚wer sich zuerst den Hals bricht, hat verloren‘ getippt.

Hoch oben über der Industriehalle, in der wir uns trafen, sprangen sie auf den Metallstreben herum und versuchten sich gegenseitig mit magischen Wattestäbchen auf den Boden zu befördern, während ein riesiger Hai unter ihnen fliegend und wahrscheinlich hungrig seine Bahnen zog. War es wirklich so verwunderlich, dass ich mit diesem Kindergarten nicht klar kam? In meinen Augen nicht.

Allerdings hatten wir wenigstens einen Illusionsmagier dabei, das war eine wichtige Information.

Entgegen meines Fluchtreflexes, ging ich weiter in den Raum hinein, wurde aber bald schon aufgehalten.

„Du bist sicher Liam!“

Ein Magier mit wild abstehenden, schwarzen Haaren kam auf mich zu und grinste ungewöhnlich freundlich.

„Hi, ich bin Luka. Freut mich, hab schon einiges von dir gehört.“

Wenn das stimmte, fragte ich mich, warum er dann so freundlich mit mir redete, aber es sollte mir recht sein. Je besser er mir gegenüber eingestellt war, desto weniger würde er versuchen, mich während des Auftrags umzubringen. Verzeihung… desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass ich ‚versehentlich‘ in einen ‚Unfall‘ verwickelt würde.

Die Hand, die er mir hingestreckt hatte, bemerkte ich erst, als er sie wieder zurück zog und kurz sich kurz ein dunkler Ausdruck über sein Gesicht legte.

Ehe er etwas sagen konnte, lenkte uns beide ein Aufschrei ab. Einer der anderen Magier fiel von den Streben, doch statt sich bei dem Aufprall auf den Boden etwas zu brechen oder von dem Hai gefressen zu werden, landete er irgendwie auf dem Rücken von eben jenem Meeresbewohner und ritt jetzt gellend auf ihm durch die Luft. Den Magier neben mir brachte das zum lachen und es hob seine Stimmung wieder.

Nach einem Moment wandte er sich wieder an mich und grinste breit:

„Das ist mein erster Auftrag in der Größenordnung! Das wird sicher abgefahren!“

Als er die Hand hob, um mir kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen, setzte ich etwas magische Energie frei und schleuderte ihn damit einmal quer durch die Halle. Leider verfehlte er den Hai, der im letzten Moment noch einen Haken schlug und landete stattdessen in einem Haufen morschem Holz.

„Alter, geht’s noch?! Ich hätte mir sonst was brechen können!“, schimpfte es hustend durch die Staubwolke hindurch, die sich bei dem Aufprall gebildet hatte.

Für jemanden, der sich mal eben spontan eine Klippe hinunterstürzte, weil er plötzlich der Meinung war, dass ihm sein Leben zu langweilig war, regte er sich über solch eine Kleinigkeit ziemlich auf.

Ich ignorierte den mörderischen Blick, den er mir zuwarf, als er wieder bei mir war und ging endlich weiter in den Raum hinein.

„Ruf deine Kumpanen zusammen, wir müssen endlich anfangen.“

„Einen Scheiß werde ich!“, motzte er. Nun, die Sache mit dem Unfall wurde wieder wahrscheinlich.

Da die Idioten nicht auf mich hören würden – diese Hoffnung hatte ich schon vor langer Zeit aufgegeben – überlagerte ich den oberen Teil der Halle mit einer eigenen Illusion. Es war nicht gerade meine Stärke, meine Illusionen waren nicht materiell, aber es reichte um alle Streben scheinbar um einen halben Meter zu versetzen, was die Magier dermaßen aus dem Tritt brachte, dass sie kurze Zeit später alle am Boden lagen und nicht einmal genau wussten, was passiert war. Zumindest wussten sie es nicht, bis sie mich bemerkten.

„War ja klar, dass der Dämonenmagier wieder den Spielverderber gibt!“, grunzte einer von ihnen. Ich ignorierte ihn und ging zu dem Tisch, auf dem Blaupausen für ein Gebäude lagen.

„Was ist der Plan?“, sagte ich laut genug, dass sie mich alle hören konnte. Widerwillig versammelten sie sich daraufhin.

„Was für ein Plan?“, fragte einer verwirrt und zuckte die Schultern. „Wir gehen rein, machen sie fertig und gehen wieder. Wo ist das Problem?“

Ich warf ihm einen genervten Blick zu, der ihn tatsächlich kurz zusammenzucken ließ. „Weitere Vorschläge?“

„Der Vorschlag ist gut genug!“, warf ein anderer ein.

„Nein“, antwortete ich entschieden. „Das Vorgehen sorgt nur dafür, dass wir uns gegenseitig im Weg stehen.“

Ich erntete nichts weiter als genervtes Schnauben und Augenverdrehen. Magier…

„Pass bloß auf, dass du mir nicht ‚im Weg stehst‘!“

Das würde ich sowieso, das musste ich seit Beginn meiner Karriere mit einbeziehen. Irgendwem stand ich immer ‚im Weg‘, selbst wenn alle anderen einhundert Meter von mir entfernt waren.

„Wer hat dich eigentlich zum Anführer gemacht? Wir kriegen das auch gut genug alleine hin!“

Immer die selbe Diskussion. Immer. Wann lernten diese Idioten es endlich?

„Wir können das gerne auf die altmodische Art klären. Ihr alle gegen mich.“

Plötzlich waren sie ziemlich still, aber genau das hatte ich erwartet. Es war nicht so, dass ich mich tatsächlich mit all ihnen gleichzeitig anlegen konnte, aber allein die Herausforderung schüchterte sie ein. Niemand wusste genau, was Dämonenmagier alles konnten und das machte ich mir nur zu gerne zu nutze.

„Da das jetzt geklärt ist.“

Ich sah wieder auf die Pläne und studierte sie eingehend, während ich noch einmal den Auftrag zusammenfasste, um sicher zu gehen, dass auch alle wussten, was zu tun war. Man konnte nie wissen, wer von ihnen die Unterlagen tatsächlich gelesen hatte:

„Es wurde eine Gruppierung entdeckt, die dafür sorgen will, dass die Existenz von Magiern in die Menschenwelt vordringt. Diese Art der Gruppierungen gibt es häufiger, nahezu jeder von euch wird solch einen Auftrag schon gemacht haben. Wir helfen unserer Regierung dabei, diese Gruppierungen zu stoppen, meistens mit Gewalt. Wer dem abgeneigt ist, ist frei zu gehen, niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Natürlich bleibt dann auch die Bezahlung aus.“

Ich pausierte kurz und warf einen Blick auf den Magier, der mich begrüßt hatte, da ich nur von ihm wusste, dass er noch keine Erfahrung hatte. Aber niemand rührte sich, sie wurden nur allmählich unruhig. Ich musste mich beeilen, um deren Aufmerksamkeitsspanne nicht zu überstrapazieren.

„Das Gebäude ist sehr klein, weshalb wir davon ausgehen können, dass sie es mit Magie vergrößern. Wie groß wissen wir nicht, weshalb wir eine generische Strategie benötigen. Da wir alle wissen, dass ihr als Team besser ohne mich funktioniert, schlage ich vor, dass ich mich um das Oberhaupt kümmere und ihr mir einfach nur den Rücken freihaltet.“

Dass das so in meinem Auftrag drin stand, mussten sie ja nicht wissen. Die Regierung vertraute mir meistens die Führungsrolle an. Im Laufe der Zeit hatte ich mich oft genug bewiesen, auch wenn Dämonenmagier im Allgemeinen nicht die sozial fähigsten Personen waren.

Ich hatte ihnen meinen Plan wohl gut genug verkauft, denn sie murmelten zustimmend. Es konnte aber auch durchaus sein, dass sie keine Lust mehr hatten zu zu hören. Gleich was es war, ich hatte was ich wollte.

„Dann gehen wir.“

Plötzlich konnten sie sehr aktiv sein. In Sekundenbruchteilen war die Halle leer und ich musste mich beeilen, hinterher zu kommen.

„Alter, ich hasse euch Dämonen dafür, dass man immer auf euch warten muss!“

„Dämonenmagier“, korrigierte ich ihn trocken.

Wir standen in einer abgelegenen, dunklen Gasse, in der Nähe unseres Ziels. Es befand sich mitten in der Stadt, weshalb wir etwas aufpassen mussten, um nicht aufzufallen.

„Als wäre das noch ein Unterschied.“

Es war ein großer Unterschied, das würde dieser Idiot auch noch feststellen.

Ich rief Kiba, einen riesigen, weißen Wolf, der als Schemenhafte Gestalt und in schwere Ketten gelegt, neben mir auftauchte. Als ich begann ihn mit mir zu verbinden und damit mein eigenes Bewusstsein in den Hintergrund zu drängen, spürte ich den gewohnten Druck, der drohte meinen Körper auseinander zu reißen. Dieses Gefühl klang erst etwas ab, als die Verschmelzung vollständig war und ich, zurückgedrängt in eine kleine Ecke meines eigenen Geistes, durch nun fremde Augen die Welt betrachten konnte.

Kiba streckte seine neuen Gliedmaßen etwas, als wollte er einen Ganzkörperanzug zurechtrücken.

„Ah, endlich mal wieder Auslauf.“ Ich spürte ihn dunkel, aber auch leicht verspielt grinsen. Kiba war noch sehr jung für einen Dämon, vielleicht gerade so alt wie ich, und dementsprechend hitzköpfig und arrogant. Aber er war der Beste, den ich besaß.

„Auch wenn ich meine Zeit mit diesem Kinderkram verbringen muss. Dass ihr Menschen es nicht einmal schafft, alleine mit euren Problemen klar zu kommen.“ Und er war aus diesen Gründen extrem unbeliebt bei sämtlichen meiner Mitstreiter, was ich auch jetzt deutlich sehen konnte. Der Unmut der anderen, amüsierte Kiba aber nur noch mehr.

„Na kommt schon, ihr müsst euch doch selbst allmählich dafür schämen, dass ihr das nicht auf die Reihe bekommt.“ Er war auch extrem gut darin, die Wunden Punkte von anderen aufzuspüren.

„Halt dich bloß nicht für so wichtig! Die Regierung schickt euch Dämonenmagier doch nur mit, damit ihr denen nicht auf der Nase herumtanzt!“

Es war immer schlecht vor jemandem wie Kiba defensiv zu werden. Das zeigte ihm nur, dass er ins schwarze getroffen hatte und er liebte es so sehr, andere zur Weißglut zu bringen.

Ich hätte ihn aufhalten können, aber das kostete mich zu viel Energie. Solange er es schaffte den Auftrag zu erledigen, sollte er seinen Spaß haben. Die Erfahrung zeigt, dass er es nicht übertrieb.

„Dämon.“, korrigierte er und ich bemerkte zu spät, was er als nächstes sagen wollte, um doch noch zu intervenieren:

„Und ich bin mir sicher, dass Liam“, er sprach meinen Namen deutlich abfällig aus, „nur deshalb gesagt bekommen hat, dass er die Mission anführen und sich um den Anführer kümmern soll, damit er beschäftigt ist. Ja, natürlich…“

Ich seufzte innerlich. Großartig. Wie konnte er nur noch weniger soziales Feingefühl besitzen, als ich?

Die geschockte Stille wurde von der jugendlicheren Version meiner eigenen Stimme unterbrochen: „Ach, hat er vergessen, das zu erwähnen? Wie ungeschickt von ihm.“

Kiba musste wirklich langweilig sein und er musste diesen Auftrag wirklich locker nehmen, denn spätestens jetzt war klar, dass nicht nur der ein oder andere Unfall während dieser Mission auftreten würde. Aber wenn er nicht der Überzeugung wäre, damit umgehen zu können, würde er das nicht tun. Wenn ich starb, während er mit mir verbunden war, ginge er mit drauf und auch wenn alle anderen Dämonen, die ich besaß, dann frei wären, war keines dieser Wesen und schon gar nicht Kiba so opferbereit, sich selbst für das Wohl der anderen umzubringen.

Sich mit sieben Magiern aus den eigenen Reihen und mindestens genauso vielen aus den feindlichen anzulegen, empfand ich dennoch als nicht sinnvoll. Der Schaden war aber da, das konnte ich nicht mehr reparieren, ich musste also sehen, wie ich mit den Konsequenzen fertig werden würde. Im schlimmsten Fall würde das unangenehme Verletzungen bedeuten.

„Wir sollten jetzt endlich gehen. Die Sache soll im Laufe der Nacht beendet sein.“

Es war dieser Magier, der mich begrüßt hatte, der endlich ein vernünftiges Wort in die Runde warf, woraufhin sich alle in Bewegung setzten.


Neuer Auftrag

Geduld war nur dann meine Tugend, wenn ich keine andere Wahl hatte, aber als es an der Tür klingelte, wusste ich, dass sich das Warten ausgezahlt hatte. Wie eine Fruchtfliege, die von Zuckerwasser angezogen wurde, kam dieser dumme Mensch zu ihm und dennoch konnte ich es ihm nicht verdenken. Er hatte keine andere Wahl, als her zu kommen. Schnell warf ich noch einen Blick in den Spiegel, um überprüfen zu können, dass auch ja alles saß, wie es sollte. Die Person die mir entgegenblickte, war mir fremd. Ich hatte sie seit Jahrzehnten nicht gesehen und das was sie bedeutete, hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Ich war es gewohnt einen Tarnzauber anzulegen, wenn ich alltägliche Dinge erledigte, damit ich keine Massenpanik auslöste, denn meine Magie hinterließ Spuren. Ich übernahm nicht nur die Fell- und Augenfarbe des Dämons, mit dem ich mich vereinigte, sondern auch gewisse Merkmale wie scharfe Zähne und Krallen. Außerdem zogen sich dicke, rote Narben über meinen gesamten Körper, dort wo meine Magie mich zerriss, wenn ich eine andere Seele in dieses sterbliche Gefäß presste.

Nun aber sah ich wie der typische Japaner aus. Die ebene Haut etwas blass, kurze, schwarze Haare und dunkle Augen. Ich zwang mich dazu, mich zu entspannen, damit meine Mimik weicher wurde. Es brachte ja nichts, wenn ich ihn durch meine finstere Miene vertrieb.

So ging ich zur Tür und begrüßte den Neuankömmling mit einem angedeuteten Lächeln:

“Guten Tag Jain-san. Schön, dass Sie Zeit hatten. Bitte, treten Sie ein.”

Immer höflich und zuvorkommend, trat ich jetzt zur Seite und ließ seinen Gast ein.

Joel Jain. Ich wusste nicht allzu viel über ihn, aber das wichtigste war mir bekannt: Er war ein nicht registrierter Magier mit Fähigkeiten, die er nicht Kontrollieren konnte und ich hatte die unleidliche Aufgabe bekommen, ihn zu trainieren und sein Vertrauen zu gewinnen. Seit ich diesen Auftrag erhalten hatte, fragte ich mich, was ich getan hatte um derart bestraft zu werden. Wahrscheinlich hatte die Regierung einfach niemanden finden können, der noch ungeschickter in sozialem Umgang war wie ich.

Wahrscheinlich hätte ich das Angebot ablehnen sollen, denn es war wirklich nicht mein Metier, allerdings konnte ich einer Herausforderung nur sehr schwer widerstehen.

Ein zusätzlicher Haken: Noch wusste der Kleine nicht, dass es Magier überhaupt gab. Ich musste also etwas behutsam vorgehen, damit er nicht gleich wieder weglief. “Danke”, murmelte er nur, vermied Augenkontakt und trat ein. Ich beobachtete ihn schon eine ganze Weile, deshalb wusste ich, dass er Probleme mit anderen Menschen hatte, aber sein Verhalten einmal in Aktion zu sehen, war noch einmal etwas anderes. Er stand vollkommen zusammen gesunken vor mir, zog den Kopf ein und wirkte, als würde ich ihm eine Waffe an die Schläfe halten. Die nächsten Tage und Wochen würden anstrengend werden, das war klar.

“Ist das das Zimmer?” Kaum stand mein Gast im kleinen Hausflur - ich hatte ihm, wie es sich gehörte, ein paar Gastpantoffeln gegeben - fixierte er auch schon die leicht offen stehende Tür. Ich hatte Mühe damit, nicht skeptisch mein Gesicht zu verziehen. Soweit ich wusste, lief eine Zimmerbesichtigung für ein WG-Zimmer etwas anders ab. Wie er es je geschafft hatte, mit dem Auftreten überhaupt eine Wohnung zu bekommen, war mir ein Rätsel. Aber es machte nichts. Schließlich war ich auch nicht besser.

“Ja, das ist es.” Kurz pausierte ich, um nachzudenken, doch schließlich entschied ich mich dazu, die Farce aufrecht zu erhalten, aber Jain trotzdem entgegen zu kommen: “Ich würde vorschlagen, ich zeige Ihnen erst einmal den Raum und Sie sagen mir, ob er Ihnen zusagt. Danach würde ich Sie gerne in der Küche auf ein warmes Getränk einladen, damit wir uns besser kennenlernen können.”

Meine eigene Stimme klag so fremd und widerlich freundlich, dass ich mir einen Moment wirklich nicht sicher war, ob tatsächlich ich gesprochen hatte. Nun, es war im Prinzip auch Ren der sprach. Kein Dämon, nur mein menschliches Alter-Ego. Eine Tarnidentität um in der Menschenwelt nicht aufzufallen.

Mein Gast wurde blass um die Nase, warum auch immer. Ich spielte hier nur den durchschnittlichen Japaner und da er mich noch nicht angesehen hatte, konnte es auch nicht daran liegen, dass mein Tarnzauber verrutscht war.

“Ist das in Ordnung für Sie?”, fragte ich deshalb, nur um sicher zu gehen. “Ich mache das zum ersten Mal. Ich weiß nicht, wie so etwas sonst abläuft.” Vielleicht half es ihm ja, wenn ich ihm aufzeigte, dass er wesentlich mehr Erfahrung mit solchen Situationen hatte.

Jain nickte und fuhr sich durch die Haare, die mehr aussahen wie ein Unfall, als wie eine Frisur.

“Äh, wie war noch mal Ihr Name? Suzuki?”

Ich fragte mich wirklich, wie er es jemals geschafft hatte, ein WG Zimmer zu bekommen, aber ich nickte. Der Kleine hatte echt Glück, dass ich wirklich wollte, dass er hier einzog. “Suzuki-san, verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sind bestimmt ein guter Kerl, aber ich werde die Zeit hier wirklich nur zum Schlafen nutzen. Ich brauche nur ein Dach über dem Kopf, alles andere ist mir nicht wichtig. Zeigen Sie mir nur das Zimmer.” Was darauf folgte, war das gekünstelste Lächeln, das ich jemals gesehen hatte.

Ein Vorteil hatte das Auftreten des anderen ja: Ich musste mir definitiv keine Sorgen darum machen, dass er irgendwo anders unterkommen würde.

Allerdings wusste ich auch nicht recht, wie ich an ihn heran kommen sollte, wenn er sich so sehr vor mir verschloss. Aber ihm seinen Raum zu lassen, war sicherlich nicht die schlechteste Idee.

“Nun…”, begann ich, um untypisch für mich, ein wenig Zeit zu schinden. Soziale Interaktion konnte wirklich anstrengend sein. Aber ich musste da durch, weshalb Schweigen wirklich keine Option war.

“Ich habe sehr unregelmäßige Arbeitszieten” Das war nicht einmal gelogen, “weshalb wir uns zwangsläufig öfter über den Weg laufen werden. Sie müssen also wissen, ob Sie mit mir zurecht kommen. Aber zumindest sollten wir uns zusammen setzen, um die Organisatorischen Dinge zu besprechen.” So würde ich ihn vielleicht in ein Gespräch verwickeln können. Abwarten. Geduld war hier definitiv das Stichwort. Dumm, dass ich davon für gewöhnlich nicht viel hatte. Mir schmerzte schon jetzt der Kopf.

“Aber eines nach dem Anderen.”

Ich ging endlich zu dem Zimmer und öffnete die Tür. Ein etwas spärlich eingerichtetes, kleines, aber gemütliches Zimmer kam zum Vorschein. Außer einem Bett und einem Schrank, fand sich nicht viel darin.

“Es ist nicht viel, aber wenn Sie sowieso nur hier schlafen, dann reicht das sicherlich aus.”

Natürlich gab es auch noch eine Küche und ein Wohnzimmer, aber ich rechnete nicht damit, ihn dort sonderlich häufig anzutreffen.

Ich ließ ihm die Zeit, sich ein wenig umzuschauen, doch er brauchte nur einen kurzen Blick:

“Es reicht vollkommen. Ich habe nicht viele Sachen bei mir.”

Natürlich hatte er das nicht. Er war chronisch ausgebrannt, weil er von Stadt zu Stadt floh und keine Berufsausbildung hatte. Ich wollte nicht wissen, wie viele Anzeigen er bereits wegen Körperverletzung am Hals hatte. Seine Fähigkeit war gefährlich, wenn man sie nicht kontrollieren konnte. Und sie war einzigartig, weshalb die Regierung ihn nicht eliminierte oder zum Training zwang, sondern versuchte, sein Vertrauen zu gewinnen. Würde er in die Finger einer verfeindeten Gruppe geraten, wäre das fatal. Es war allerdings auch fatal, ihn einfach so herum laufen zu lassen. Irgendwann würden die Medien auf ihn aufmerksam. Ein Wunder, dass das nicht längst passiert war. Aber Jain war auch erstaunlich gut darin unterzutauchen. Es hatte mich einiges an Mühe gekostet, ihn anfangs zu finden und hätte ihn, nach dem Ausbruch in der letzten Stadt, fast wieder aus den Augen verloren. Aber jetzt war er hier. Ich hatte ihn und ich würde ihn jetzt nicht mehr weg lassen.

Ich bemerkte, wie Jains Blick auf den Schlüssel im Türschloss fiel. Meine, von den Vereinigungen geschärften Sinne, hörten das erleichterte Aufatmen deutlich. “Gut…” Damit ging ich in die Küche um Wasser aufzusetzen. Erst dort fiel mir selbst auf, dass meine einsilbige Antwort doch ziemlich kühl war. Ich musste unbedingt besser aufpassen, wenn ich ihn nicht vertreiben wollte.

“Ich brauche das Geld recht dringend”, ließ ich aus der Küche verlauten, ohne groß darauf zu achten, ob Jain mir folgte. Natürlich waren meine Ohren gespitzt, aber ich wollte ihm zeigen, dass ich ihm seinen Raum ließ. “Deshalb habe ich mir vorgenommen, den ersten, einigermaßen passenden Bewerber zu nehmen. Also, wenn Sie möchten, können wir sofort alles unter Dach und Fach bringen.”

Langsam begann das Wasser zu sprudeln: “Tee oder instant Kaffee?”

“Kaffee”, kam es von hinter mir gemurmelt und Jain trat in die Küche.

Mit scheinbar geübten Griffen, suchte ich mir alles zusammen, was ich brauchte. Es würde nicht auffallen, dass ich erst seit zwei Tagen in dieser Wohnung lebte. Mit zwei Tassen trat ich an den Tisch, auf dem auch schon die Papiere lagen und versuchte den beißenden Gestank von Kaffee zu ignorieren.

“Sie können wirklich nicht so gut mit Menschen, oder?” Die Worte entkamen mir nicht unwillkürlich, sie waren durchaus kalkurliert, aber sie waren Ausdruck meiner fehlenden Geduld. Das war mir bewusst, daran musste ich dringend arbeiten, aber für den Moment war es nun einmal so. Ich hoffte, dass ich mit ein wenig forscherem Auftreten, schneller vorwärts mit ihm kam. Auch wenn es vollkommen unjapanisch war, einem Fremden seine Fehler vorzuhalten.

“Dann ist es Ihnen sicherlich auch lieber, wenn wir bei dem ‘Sie’ bleiben?”


Liam

   

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